Wie beeinflusst das Thema Sicherheit den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet? Welche Erscheinungsformen wirtschaftsbezogener Kriminalität gibt es und welche Herausforderungen entstehen daraus für Unternehmen und Region? Wie steht es rein statistisch um die Sicherheit – und wie sicher fühlen wir uns tatsächlich?
Die Brost-Akademie hat sich diesem Thema angenommen. Jüngst ist hierzu in der Reihe der Brost-Bibliothek, herausgegeben von Prof. Bodo Hombach und Frank Richter, der Sammelband „Sicherheit als Standortfaktor – Wirtschaftsbezogene Kriminalität im Ruhrgebiet“ erschienen.
Zur Veröffentlichung des Buches diskutierte am 12. Mai 2026 im Funke Event-Center in Essen Moderator Frank Schneider mit dem Oberbürgermeister der Stadt Essen Thomas Kufen, dem Vorstandsvorsitzenden der Klöckner & Co SE Guido Kerkhoff, der Hauptgeschäftsführerin der IHK zu Essen, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen Kerstin Groß sowie mit Klaus Stephan Becker (Kriminaldirektor a. D. und ehemaliger Leiter der Kriminalpolizei beim Polizeipräsidium Köln).
„Sicherheit ist Voraussetzung für fast alles“, leitete Prof. Bodo Hombach den Abend in seinem Grußwort ein. „Lange haben wir sie behandelt wie Luft: Sie ist da, aber nicht der Rede wert. Wenn sie fehlt, geht nix.“ Denn Sicherheit sei auch ein Standortfaktor „Ein Unternehmen kann viel kompensieren“, so Hombach weiter. „Steuern. Bürokratie. Energiepreise. Aber nicht: Unsicherheit. Wo Sicherheit erodiert, wandern Investitionen, Fachkräfte und Vertrauen ab. Schneller, als jede Statistik erklären kann.“
Als bedeutendes wirtschaftliches Zentrum mit international agierenden DAX-Konzernen und innovativen mittelständischen Unternehmen spielt das Thema Sicherheit auch für das Ruhrgebiet eine tragende Rolle. Denn ihre wirtschaftliche Stärke macht die Region zu einem begehrten Standort – bietet dadurch jedoch auch Angriffsflächen für organisierte Kriminalität.
„Statistisch gesehen ist Essen eine der sichersten Großstädte in NRW“, sagte Oberbürgermeister Thomas Kufen. „Aber darum geht es hier nicht, sondern um das Sicherheitsgefühl: Denn wenn jemand Opfer einer Straftat wird, nützt die Statistik gar nichts.“ Auch IHK-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Groß betonte dieses zunehmende Gefühl der Unsicherheit. In Innenstädten würden insbesondere Menschen mit psychischer Beeinträchtigung sowie Menschen aus der Drogenszene dazu beitragen, dass Bürgerinnen und Bürger sich unsicher fühlten. „Diese Leute machen im Grunde nichts, sind aber präsent. Hier fehlt aktuell noch ein guter Ansatz, wie damit umgegangen werden kann.“
Ex-Kriminaldirektor Klaus Stephan Becker unterfütterte dieses Gefühl mit Fakten. Die Summe der Straftaten habe sich in den vergangenen Jahren nicht erhöht, betonte er, ganz im Gegenteil. Tendenziell weniger Straftaten stünde sogar eine höhere Aufklärungsquote gegenüber – dennoch fühlten die Menschen sich zunehmend unsicher. Zurückzuführen sei dieses Gefühl auf eine massive Veränderung in der Kriminalitätsstruktur. Als Gründe dafür nannte er die Flüchtlingswelle im Jahr 2015, die Corona-Pandemie sowie den Krieg in der Ukraine und die damit verbundene Spannung mit Russland. „Diese Veränderungen nehmen die Menschen als Bedrohung wahr, das Sicherheitsgefühl leidet dadurch immer mehr“, so Becker.
Als aktuell größte Bedrohung für Wirtschaftsunternehmen nannte Becker die Cyberkriminalität: „Laut dem jüngsten Bundeslagebild Cybercrime haben Cyberattacken allein im Jahr 2025 eine Schadenssumme von rund 2,2 Mrd. Euro verursacht. Mehr als 90 % aller Unternehmen sind in den vergangenen drei Jahren Opfer von Cybercrime geworden.“ Dabei würde das Risiko durch den Einsatz von KI zusätzlich steigen, die Becker als „Katalysator für Cybercrime“ bezeichnete. Dem konnte auch Klöckner-CEO Guido Kerkhoff beipflichten, der Cyberbetrug mithilfe von KI bereits im eigenen Unternehmen erfahren musste. „Gerade Stimmimitation ist ein großes Problem, die Qualität des Betrugs wird immer höher.“ Insgesamt werde deutlich, dass Cyberattacken immer professionellere Ausmaße annehmen würden. Aber, so Becker, immer mehr Unternehmen hätten auch ein Notfallmanagement. Und man dürfe nicht vergessen, dass KI natürlich auch Möglichkeiten biete, z. B. für die Sicherheitsbehörden.
Umso wichtiger sei es, sich auf den Krisenfall angemessen vorzubereiten, betonten die Teilnehmenden. So habe die Stadt Essen u. a. eine Broschüre herausgegeben, die Bürger für den Krisenfall wappnen soll, so der Oberbürgermeister. Es gebe einen detaillierten Katastrophenschutzplan, die Trinkwasserversorgung wurde verbessert und innerhalb der Stadtverwaltung fänden regelmäßig Übungen statt, um für Bedrohungen durch Cyberangriffe zu sensibilisieren – z. B. durch gefakte Phishing-Mails. „Wir müssen uns auf alle möglichen Szenarien einstellen, die wir früher nie für möglich gehalten hätten“, betonte Kufen. „Wir haben viel antizipiert und hoffen, dass wir es niemals brauchen werden. Aber es ist besser, wir sind gut vorbereitet.“
Dem schloss sich auch Kerkhoff an, der mit Klöckner viel Zeit und Ressourcen in Kriminalitätsprävention investiert hat. „Wo ist der nächste Schutzraum? Wer im Unternehmen ist wie ausgebildet und könnte bei welchem Notfall helfen? Unternehmen müssen sich selbst viel mehr mit Fragestellungen der eigenen Sicherheit auseinandersetzen.“ Becker unterstrich diesen Ruf nach mehr Investitionen in Prävention; selbst – oder insbesondere – wenn einem Unternehmen bislang noch nichts passiert ist. „Wir schaffen ja auch nicht die Feuerwehr ab, nur weil es drei Monate lang nicht gebrannt hat“, fügte er hinzu. Die IHK stelle für die Krisenprävention eigens einen Krisennotfallplan zur Verfügung, ergänzte Groß: „Wie viel investiere ich in meine digitale Sicherheit? Was kann ich vor Ort bei besonderen Ereignissen tun? Mit dem Krisennotfallplan möchten wir Orientierung bieten, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen.“
Positive Grundstimmung also in NRW, oder doch eher Alarmbereitschaft? Beides, gewissermaßen, denn das eine (die angemessene Vorbereitung) bedinge ein Stück weit das andere (die gefühlte Sicherheit). Becker betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz von Übungen – für die tatsächliche Sicherheit ebenso wie für die gefühlte: „Übungen sind wichtig, um Fehler zu antizipieren. Damit wir sie im Ernstfall dann hoffentlich nicht machen.“
Bei aller Diskussion um Sicherheit dürfe man außerdem nicht vergessen, so Kufen: „Die allermeisten Leute verhalten sich vernünftig und stärken unsere Demokratie!“ Wichtig sei es aus seiner Sicht, eine Kultur zu entwickeln, in der es erwünscht ist, kritisch zu sein. „Wir müssen uns eine wachsame Haltung angewöhnen, müssen sagen wenn uns etwas komisch vorkommt. Niemand darf Angst haben, ein Störenfried zu sein, weil er etwas gesagt hat.“
Dem stimmte indirekt auch Kerkhoff zu, der das Ruhrgebiet als Ort lobte, an dem man noch offen seine Meinung äußern könne. „Das ist unsere Chance, daran müssen wir festhalten. Eine unserer Stärken ist, dass wir zusammenarbeiten und Gefahren resilient begegnen können.“ Denn Sicherheit entstehe im Verbund, nicht im Alleingang, wie Prof. Hombach bereits eingangs in seinem Grußwort betont hatte.
Das Ruhrgebiet zählt nicht nur zu den bevölkerungsreichsten Regionen Deutschlands, sondern ist zugleich ein bedeutendes wirtschaftliches Zentrum mit international agierenden DAX-Konzernen und innovativen mittelständischen Unternehmen. Diese wirtschaftliche Stärke macht die Region zu einem begehrten Standort, bietet jedoch auch Angriffsflächen für Organisierte Kriminalität.
In diesem Band wird aus der Perspektive von Wissenschaft, Politik,Wirtschaft und Polizei der Frage nachgegangen, wie Sicherheit die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität des Ruhrgebiets beeinflusst und welchen Herausforderungen sich Unternehmen in der Region stellen müssen.
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